Polnische Akzente in Erlangen, das 36. Poetenfest ist beendet.

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Gerhard Falkner mit Dirk Kruse

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Fluechtlinge sind Dichter

fot3Herta Mueller

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Ilija Trojanow

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Michael Krüger

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Raoul Schrott

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Übersetzerwerkstatt

Zwölftausend Menschen besuchten in diesem Jahr das Poetenfest, das oft als Anfang der literarischen Saison in Deutschland betrachtet wird. An drei tropisch heißen Tagen zwischen dem 25. und 28. August 2016, im schattigen Universitätspark, im nahe gelegenen Theater, in der Orangerie und vielen anderen Orten in der Stadt fanden die Veranstaltungen für junge und erwachsene Leserinnen und Leser statt. Führende Themen des Festivals waren Betrachtungen über Flucht und Migration und die  aktuelle Situation in Europa, sowie der 150. Todestag von Friedrich Rückert, des Übersetzers und Orient-Forschers. Das Interesse weckten vor allem die Autorenlesungen und Neuigkeiten auf dem Buchmarkt. Geflüchtete Menschen lasen Gedichte auf eigener Bühne im Schlossgarten auf Arabisch, Kurdisch, Farsi und Ukrainisch. Viele besuchten die Buchhandlung im Freien. Über treues Publikum erfreut sich seit Jahren die Übersetzerwerkstatt von Adrian La Salvia. Neben Teresia Mora, die über ihre Arbeit mit den Texten des vor kurzem verstorbenen ungarischen Schriftstellers Peter Esterhazy erzählte, konnte man dort in diesem Jahr Sharon Dodua Otoo, die Ingeborg-Bachmann-Preis-Gewinnerin, sowie José F. A. Oliver, Iain Galbraith, Brigitte Döbert, Frank Heibert und Heinrich Schmidt-Henkel mit ihren neuesten Übersetzungen erleben. In Verbindung mit dem Friedrich-Rückert-Jubiläum waren die Orientalistinnen Claudia Ott und Wiebke Walther eingeladen worden. Klaus-Jürgen Liedtke präsentierte das Internetportal „ Baltick Sea Library”, das einen Zugang zu den Originaltexten sowie zu den Übersetzungen von allen Kulturen und Sprachen, rund um das Baltikum schaffen möchte. Auf dem Portal sind schon jetzt polnische Texte zu finden, der Kaschubische Teil wird gerade diskutiert.
Das Markgrafentheater war bei den Autorenporträts an jedem Abend ausverkauft. Als letzter präsentierte sich dort Aris Fioretos, der sein Werk rund um interkulturelle Themen konzentriert, die aus der Europäischen Sicht betrachtet wurden. Ein paar Stunden früher hatte die Nobelpreisträgerin für Literatur Herta Müller über eigene Erfahrung des Exils gesprochen. Der Publizist, Herausgeber und Schriftsteller Ilija Trojanow erinnerte sich aus der Perspektive des Weltbürgers an den Weg, den er gemacht hat als 6-Jähriger, als er zusammen mit den Eltern Bulgarien verließ (verlassen hat). Die Autorenporträts sind mit der „Langen Nacht der Ersten Erde“ eröffnet - einer Premiere des 800-seitigen Epos von Raoul Schrott. Dieser Abend wurde zum Ereignis auch deswegen, weil zum ersten Mal der Schriftsteller und Dichter Raoul Schrott als Vertreter der schönen Künste und die Gelehrten von Rang  aus der Wissenschaft: Physik, Astronomie, Geo- und Biologie: Prof. Dr. Klaus Mecke, Prof. Dr. Ralph Neruhäuser, Prof. Dr. William F. Martin und Prof. Dr. Axel Munnecke auf der Bühne zusammenstanden. Zwei Versuche, das Entstehen des Lebens auf unserem Planeten zu beschreiben, zwei sich miteinander unterstützende Systeme des Denkens und des Bildens: Sprache der Kunst und Sprache des Wissens treffen und verflochten sich in der ungewöhnlichen Publikation. Sie beinhaltet auch einen starken polnischen Akzent, dies betonte in seiner Moderation Michael Krüger, ein erfahrener Verleger und Freund von Miłosz, Herbert und Różewicz. Ein Kapitel des Epos entstand aus den Gesprächen mit Zofia Kalin-Halska, einer polnischen Zoologin, die 2015 verstarb. Sie erinnert sich in ihrem Bericht an das tragische Schicksal des Warschauer Aufstands, an ihr Studium im Untergrund und unmenschliche Erfahrung der Vergewaltigung, Folter und des Gefängnisses. Gleichzeitig beschreibt sie wissenschaftliche Expeditionen, an denen sie teilnahm. Dank der Entdeckung der Überreste von Dinosauriern in der Mongolei sowie Forschung auf der Halbinsel Youcatan, die nach der Wende möglich geworden ist, hat sie erklärt, wie die Entwicklung von Säugetieren verlief, woher die Aggression bei uns Menschen kommt und wieso wir die Farben sehen  und das Süße mögen.
Am Sonntagmorgen war die Diskussion „Europa erzählen“ an der Reihe. Eine Expertengruppe unter der Ägide des Kulturpolitischen Magazins „Cicero“ hat die Lage auf unserem Kontinent kommentiert. Es fehlte natürlich nicht ein Bericht aus der Kulturhauptstadt Europas - Wrocław. Ihre im Stadtbild sichtbare Geschichte und heutige Dialogbereitschaft betonte Ilija Trojanow in der Aussage über seinen letzten Polenbesuch. Als Herta Müller die polnische Ausgabe ihrer Collagen in die Hände bekam, bemerkte sie: „Ja! Die Polen machen wunderbare Sachen in der Kultur.” Auf dem Hauptpodium des Poetenfestes in Erlangen konnte man vier aus dem Kreis der zwanzig Autorinnen und Autoren zuhören, die auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2016 stehen. Einer von ihnen, Gerhard Falkner, der aus seinem neuesten Buch „Apollokalypse” las, erwähnte Bruno Schulz als einen seiner Meister. 

Text und Bilder Iwona Lompart