Abschied von Karl Dedecius am 8. April 2016 in der Stadtkirche Darmstadt.

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NACHRUF AUF PROF. KARL DEDECIUS

Der Direktor des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt, Prof. Dieter Bingen beantwortete die Frage „Wie soll es weiter gehen nach dem Tod von
Prof. Dedecius?" mit folgenden Worten:
"Dankbar sein und in die Zukunft schauen." 

Am 26. Februar 2016 verstarb Karl Dedecius in Frankfurt am Main. Als großartiger Humanist und Literaturübersetzer  war ihm als Mensch die Völkerverständigung zwischen Polen und Deutschen eine Lebensaufgabe.
Karl Dedecius gründete 1980 das Deutsche Polen-Institut mit Sitz in Darmstadt, das er bis 1999 leitete.

Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und bekam mehrfach den Titel des Dr. honoris causa. So unter anderem im Jahre 2000 von der Jagiellonen-Universität in Krakau und 2011 von der deutsch-polnischen Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Als Staatsorden erhielt er das  Bundesverdienstkreuz und den polnischen Orden des Weißen Adlers.
Als Vermächtnis hinterlässt Karl Dedecius über dreitausend übersetzte Werke der polnischen Literatur, darunter auch die geniale Übertragung der Gedichte von Czeslaw Milosz und Wislawa Szymborska. Diese Übersetzungen trugen wesentlich dazu bei, dass beide Autoren den Nobel-Preis für Literatur erhielten.

Karl Dedecius entstammte einer deutschen Familie und wurde im Jahre 1921 in Lodz geboren. In seiner Heimatstadt besuchte er die polnische Schule. Hieraus entsprangen seine perfekte Kenntnis der polnischen Sprache sowie seine erste literarische Begeisterung und sein geschichtliches Wissen.

Er gehörte der Kriegsgeneration an. Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war er gerade 18 Jahre alt. Als Wehrmachtsoldat geriet er bei Stalingrad in sowjetische Gefangenschaft, aus der er erst im Jahre 1952 zurückkehrte.
Stets war ihm bewusst, dass auf der anderen Seite der Kriegsfront polnische Schriftsteller und Dichter starben. Das betraf das Schicksal der Literaten Krzysztof Kamil Baczyński, Jerzy Gajcy, Tadeusz Żelenski-Boy, Witold Hulewicz, Stanislaw Ignacy Witkiewicz, Bruno Schulz ... Einige von ihnen mussten Polen verlassen und kehrten nie wieder zurück, so Maria Pawlikowska-Jasnorzewska und Witold Gombrowicz. Ihnen hatte Karl Dedecius viele seiner Texte und Vorträge gewidmet, und vor allem seine ausgezeichneten Übersetzungen.
Mit den Dichtern, die den Krieg überlebten, schloss  Dedecius tiefe und schöpferische Freundschaften. Besonders nah sind ihm Tadeusz Różewicz und Zbigniew Herbert gewesen, sowie Czesław Miłosz und Wisława Szymborska, Stanisław Jerzy Lec und Adam Zagajewski.
Auf seinem letzten Weg zum Frankfurter Südfriedhof wurde Karl Dedecius auch von den Mitarbeiter/innen des Deutschen Polen-Instituts begleitet. Und von Dichtern, Journalisten und Lesern, also von vielen, die in seinem Sinne die deutsch-polnische Annährung, Aussöhnung und Verständigung weiter tragen.

Für den 8. April 2016 war in Darmstadt die Eröffnung einer Jubiläums-Ausstellung zum 95. Geburtstag von Karl Dedecius geplant gewesen. Doch dann wurde die Vernissage zu einer Abschiedsfeier für den Verstorbenen in der Stadtkirche. Vor den dort versammelten Angehörigen und Freunden, darunter auch die langjährige vertraute Mitarbeiterin Ilona Czechowska,
sprachen der Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch, der heutige Leiter des Deutschen Polen-Instituts, Prof. Dieter Bingen, und Prof. Joachim Rogall von der Robert-Bosch-Stiftung. Die Stiftung trug maßgeblich zur Herausgabe des Lebenswerks von Karl Dedecius bei. Die fünfzigbändige  „Polnische Bibliothek“ bildet eine Sammlung der übersetzten Auswahl aus polnischer Literatur vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Einige Texte davon trugen bei der Gedenkfeier zweisprachig Dr. Andrzej Kaluza und Manfred Mack vom Polen-Institut vor. Die musikalischen Beiträge, u.a. auch
die „Air“ von Johann Sebastian Bach (gespielt von Joanna und Marcin Gortel) bereicherten die Abschiedsfeier. Danach begaben sich die Versammelten zur Ausstellung am früheren Sitz des Instituts in der Mathildenhöhe 2 in Darmstadt.

Ich kehre mit den Gedanken zu meinen Freunden zurück, die sich an ihre Begegnungen mit Karl Dedecius erinnern. Unter ihnen ist auch die Journalistin der Deutschen Welle, Barbara Collen, die Karl Dedecius „Barbara-Knopflein“ nannte, seit sie ihm, kurz vor seiner letzten gemeinsamen Autorenlesung mit Czeslaw Milosz, einen beinahe verlorenen goldenen Knopf an das Jackett annähte. In meinem Familienarchiv bewahre ich die Korrespondenz mit Karl Dedecius und die handgeschriebenen Widmungen in den Büchern auf.
Sein Werk „Polnische Gedichte des 20.Jahrhunderts“ erschien 2008 im Insel-Verlag. Mit einem blauen Stift auf der Titelseite markiert, richtete Dedecius seine Worte an meinen Mann und mich: „Szanowna Pani Iwono, lieber Herr Bartl, diese Last der Kindheit und Jugend! Hier ist ihre Essenz, die lastet, belastet die Seele lange! Aufmerksame, einfühlsame Leser helfen mir sie zu tragen, zu ertragen“.

Nach seinem Tod erinnern wir uns für immer an Prof. Karl Dedecius und an sein Werk. Wir trauern um ihn zusammen mit seinen Freunden, allen Nahestehenden und mit seinen Wegbegleitern und Mitarbeitern in Deutschland und in Polen.

Verfasst und fotografiert von Iwona Lompart