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Froben Dietrich Schulz

Stanislaw Przybyszewski - „Der geniale Pole“(Strindberg) oder:
„Ein Mitbegründer der deutschen Moderne“

Wie eine unheimliche Spukgestalt huschte durch unsere Literatur in kurzer Berühmtheit Stanislaw Przybyszewski der „Naturalist der nackten Seele“, der „Sataniker“ mit seinen grotesken und perversen Verstiegenheiten....
Zitat aus Deutsche Literaturgeschichte von Alfred Biese , München, 1915

Wirkung und Spuren Przybyszewskis in der deutschen Kunst- und Literaturgeschichte.
Stichworte:
1. „die nackte Seele (Mickiewicz), P. führte diesen Begriff sinnbildlich in Deutschland ein. Nietzsche, Kritiker Hauptmanns und seines Sozial-roman-tischen Naturalismus, Auseinandersetzung mit eigener Seele wichtiger als soziale Frage („wenn ich schreibe, interessiert mich nicht die Farbe eines Beinkleides sondern die Verästelungen der menschlichen Seele...“)
P.: „psychischer Naturalismus“ , Scheerbart nannte P. ironisch „Seelenstachu“, Dehmel nannte P. einen Vertreter einer neuen literarischen Richtung. Auswirkungen auf Hugo v.Hoffmannsthal, Thomas Mann, Alfred Mompert

2. Przybyszewski-Kreis“ („schwarzes Ferkel“) Führer einer literarischen Strömung und Gruppe mit: Richard Dehmel, Julius Hart, Otto Julius Bierbaum, Johannes Schlaf, Max Dauthendey uva. in diesem Kreis war es Mode seine Vornamen zu „polonisieren“ Masiu für Max, Rysio für Richard, Jascu usw. Manche dieser deutschen Dichter nannten später die Zeit von 1890-1898 die „Przybyszewski-Zeit“. Servaes: „er ist eine führende Gestalt, die die sie umgebenden Menschen stark beeinflusst, die in dem Künstlerkreis der unbe-dingte Anführer war“. „er war Anführer in gesellschaftlicher wie weltanschau-licher Hinsicht“. in diesem Kreis zwang seine starke intellektuelle Agressivität, sein sarkastisches Auftreten; seine Ironie seine Mitstreiter in die Defensive. Manche wendeten sich von ihm ab. Ida Dehmel: „Stachu und Ducha hatten eine bodenlose Veachtung für jede Art von Ordnung: alles an Morgen denken war ihnen lächerlich fremd.. Geld hatten sie nie..“ Es gab kaum einen Autor wie P. der so oft verschlüsselt bei anderen Autoren als Romanfigur der Zeit vorkam.

3. Initiator der Zeitung „Pan“. innovativstes Zeitungsprojekt der Zeit mit großen künstlerischen und ästhetischen Auswirkungen auf Deutschland. (Graf Kessler) Auswirkungen nach Polen („Zycje“) und Tschechien. („Moderni Revue“, Arnost Prochazka) bald nach Erscheinen der ersten Nummern kritisierte P. schon wieder, ihm war das neue nicht neu genug. Die Kunst und Literatur die er im Pan sehen wollte, war die von ihm in den Bildern von Munch und den Skulpturen von Vigeland verehrte Kunst der Seele , der Ausdruck des Inneren im Menschen. Kurz und gut : er verlangte nach dem Expressionismus, der zu jener Zeit außer von ihm nur von den wenigsten als Kunstart gesehen wurde. P. nannte dieses Neue „Psychischer Naturalismus“

4. Förderer und beteiligt an der künstlerischen Durchsetzung von Kunstströmungen Edvard Munch, (erste Kunstbiographie) erste positive Besprechungen des Künstlers in Zeitungen durch P. Mitinitiator der ersten Ausstellung in Berlin. (ohne Munch kein Expressionismus in Deutschland)
weitere Künstler, die P. in Deutschland durchsetzen half: Felicien Rops, Viegeland

Diese vier angesprochenen Beispiele belegen:
Przybyszewski wurde zum „aktiven Mitbegründer der deutschen Moderne“ (Polnische Literatur, Oldenburg 1999).

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Einige biographische Bezüge Przybyszewskis.
Sein Leben und das seiner Kinder sind in vielerart exemplarisch für das Schicksal unseres 20.Jahrhunderts in Europa. Eine Tochter (Janinka, mit Maria Foerder) geistig behindert und durch die Mutter Halbjüdin wurde wahrscheinlich in einem mobilen Gas-Lastwagen von den Nazis getötet. Boleslaw, Musikprofessor, wurde 1937 in Stalins Kerkern umgebracht. Zenon, der Sohn mit Dagny Juel , Zenon Przybyszewski-Westrup wurde schwedischer Minister, ein Enkel (Sohn der Tochter Mieczyslawa) Professor in der DDR, seine jüngste Tochter schließlich, diejenige die er vielleicht am meisten liebte (Tochter mit Aniela Pajakowna) wurde Schriftstellerin („Danton“ verfilmt mit Depardieu von A.Wajda) und starb mit Überdosis Rauschgift 1935. So spiegelt sich im Leben und zum Teil frühen Tod dieser Menschen die Verworrenheiten, die Schuld aber auch die vielschichtige Vitalität des europäischen 20.Jahrhunderts wie in einem Brennspiegel.
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Mittler zwischen Deutschen und Polen.
Auszüge aus „Von Polens Seele“ von Stanislaw Przybyszewski (geschrieben 1915):

Wir Polen kennen eure Kultur, eure Geschichte, eure Kunst ebenso gut wie ihr Deutsche selbst. Von einer näheren Bekanntschaft mit der polnischen Kulturwelt ist in Deutschland auch nicht der leiseste Schimmer zu verspüren.

Für das heutige Polen / a.D. 1915/ ist unter den jetzt gegebenen Verhältnissen nichts so sehr erwünscht, als eine Verständigung zwischen den deutschen und Polen herbeizuführen, Missverständnisse - die vergiftete Quelle einer leider zu tiefen , beiderseitigen Misstrauens - zu beseitigen und einer beider Nationen würdigen Modus Vivendi zu finden.

Wenn der deutsche Dinge vorbringt, wie sie nach und nach reihenweise streng geordnet ins Gehirn kommen, produziert der Pole Gefühle, mit denen sich dies Dinge verknüpfen, und die Assoziationen dieser Gefühle.
Daher das Klare, verstandesmäßige und absolut Konsequente in der deutschen Denk- und Handelsweise, und daher das scheinbar Ungeordnete, Sprunghafte und scheinbar leichtfertige in der Denk- und Handelsweise der Slawen. Und währende der Deutsche vorwiegend durch den Besitz seiner Vernunftkultur groß geworden ist, musste der Pole an seiner Herzenskultur unterliegen, denn wenn auch psychologisch genommen, die Gefühlszusammenhänge weit tiefer sind als die der Vernunft und es ein müßiger Streit wäre, welcher von den beiden Kulturen ideell der Vorrang gebührt, so ist im praktischen Leben jedenfalls .. die starke... Vernunftkultur jener welche jegliche antriebe aus den Gefühlsassoziationen, das heißt dem Herzen, zu seinem Handeln schöpft, überlegen.
Doch ist die Überbrückung dieser zwei scheinbar wesentlich verschiedenen Denkarten zwischen Deutschen und Polen nicht ausgeschlossen.

Zitat Goethe nach Treffen mit Mickiewicz: es war höchst interessant zu beobachten und zu vergleichen die ankommenden Polen und die abreisenden Engländer: nie im Leben habe ich einen so vollkommenen Gegensatz erlebt.
Stundenlang unterhielt Goethe sich mit Mickiewicz. Zum Abschied drückte Goethe ihm einen Kuß auf die Stirn, zehn Minuten später übersandte er Mickiewicz. drei sechszeilige Strophen mit dem Schlußvers
wohlwollen unserer Zeitgenossen,
das bleibt zuletzt erprobtes Glück

In dieser Begegnung liegt etwas tieferes als ein gewöhnliches Höflichkeitszeremoniell, es ist die Anerkennung einer hohen Kultur eines fremden Volkes seitens des höchsten damaligen Kulturaureopags. Es gibt heute in Deutschland wenige vom Geiste Goethes, die es für würdelos halten, ein Volk zu einer „minderwertigen Nation“ entwürdigen zu wollen, nur weil ihm seine politische Unabhängigkeit entrissen wurde.

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Bezug zu Nürnberg ebenfalls aus „Polens Seele“ von Stanislaw Przybyszewski.

......und damit das Zeugnis längst vergangener Zeiten nie verblasst, blieben bis auf den heutigen Tag die herrlichsten Denkmäler jener Kulturepoche:
im Westen - Nürnberg , im Osten- Krakau.

Es bestand die breite kulturelle Heerstraße zwischen Nürnberg und Krakau, auf der die zahllosen Scharen deutsche Holzschnitzer, deutsche Maler und Bildhauer und deutsche gelehrte nach Polen pilgerten- ein Jan Fischer, ein Veit Stoß, der so viele seiner bedeutenden Kunstwerke in Krakau hinterlassen hatte, das Polen ihn unter den Namen Wit Stwosz als ihren Sohn in Anspruch nimmt. ..auf Schritt und Tritt findet man Werke eines Adam Kraft, Goldschmiedekunst eines Jamnitzer.. die Kultur in Polen ragte schon zu der Höhe hinauf, das die Polen fremde Meister beschäftigen, bewundern, mit Reichtümern überschütten, jedoch nicht mit der demütigen Unterwürfigkeit eines Autochthonen, sondern mit der souveränen Geste des Magnaten.
....
Und in dieser seltsamen Tatsache , daß die polnische Kultur mit dem italienischen Humanismus in den engsten Konnex trat, bevor dieser noch in Deutschland eingezogen war, beruht das charakteristische Merkmal der polnischen Seele ihr unruhiges und rastloses Streben nach immer breiteren Geisteshorizonten, ihr Heißhunger nach Wissen und Erkennen. Völlig zutreffend hat der Größten einer, der Dichter Slowacki, Polens Geist , als den „ewigen Revolutionär“ bezeichnet: fortwährend stürzte er alte Werte um, bevor er noch neue in sich zu finden vermochte, um wieder - kühner und aberwitziger geworden - neue Umstürze zu vollziehen.

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Bezug zu Thomas Mann
die naturalistischen frühen Werke Przybyszewskis verfehlten den Einfluß auf T.M nicht. Seine schwülstigen Seelenselbstfindungen kamen dem jungen T.M. sehr gelegen.
T.M setzte auch S.P. in seinem „Zauberberg“ ein Denkmal (7.Kapitel, „die große Gereiztheit“).
T.M. in einem Interview über seine Rede vor dem polnischen PEN 1927 in Warschau: ..die Reden des Abends, die mir sehe viel Ehre erwiesen, waren in polnischer, deutscher und französischer Sprache gehalten.. und denke ich der eindringlichen Worte des Abends, der Rede Przybyszewskis , die er mit einer herzlichen Umarmung beschloß, so überkommt mich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit und Rührung...

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Zitat des Przybyszewski-Kritikers Franz Servaes:
..war demnach für die deutsche Literatur und deutsches Geistesleben Przybyszewski bloss eine Episode? Vielleicht - aber dann zweifellos eine fruchtbare und unverwischbare. Keiner unter uns deutschen Autoren hat die dichterische Linie Nietzsches mit solch persönlicher Eigenart und vehementer Kraft fortsetzen können, wie der ihm im ferneren Grade blutsverwandte junge Pole. Keiner hat, stärker mit verrotteten alten Vorurteilen gebrochen und so eine, auch im deutschen Sinne, neue Linie inauguriert .. Mag man sich seiner Persönlichkeit und seinem Wirken von deutscher Seite her, heute und morgen, auch noch so kritisch entgegen stellen, die mächtige vibrierende Geistesbelebung, die seinerzeit von ihm ausging, nicht minder die Liebe, zu der manchen von uns seine geistige Persönlichkeit zwang, sind geschichtliche Tatsachen..

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Synopsis

Mag sein Name heute im 21.Jahrhundert aus den Regalen fast verschwunden sein so sind seine Spuren tatsächlich erkennbar. Der von ihm als erster geforderte Expressionismus hat später seinen Siegeszug angetreten und ist längst Bestandteil der Kunstgeschichte. Seine Beschäftigung mit der „nackten Seele“ ist heute längst in tausenderlei Facetten und Auswüchsen Wirklichkeit. In gewisser weise nahm er Entwicklungen und Richtungen der Esoterik und der Parapsychologie voraus. Möglicherweise wäre er heute wieder ein Star der Szene...
so ist Przybyszewski tatsächlich keine „Spukgestalt“ wie in dem eingangs erwähnten Literaturlexikon von 1915 befunden, sondern 100 Jahr später können wir sagen, er war eher ein früher Sucher der menschlichen Seele und Rufer nach neuer künstlerischer Ausdruckskraft, die sich ständig erneuern muß und „neu“ sein muß. In diesem Sinne ist er sehr modern und aktuell.

F.S. 07/04

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Od grudnia 2003: