Quelle: Magazin Dialog. Deutschland heute
gesehen aus der polnischen Perspektive
- Hoffnungen, Ängste, Klischees.

27.02.1999, Gesprächsabend mit Adam Krzeminski

Leitung: Jolanta Mischtal (KT e.V.), Musikalische Umrahmung: Krystyna Musial, spielt Werke von J. Brahms und F. Chopin.

 

Adam Krzeminski

geboren 27.01.1945, hervorragender Journalist und Essayist. Der berühmteste Experte in Polen auf dem Gebiet der deutsch – polnischen Beziehungen in der politischen, historischen und kulturellen Hinsicht. Phantastischer Referent und Erzähler. Besitzt die Fähigkeit auf eine natürliche und einfache Weise mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Geistsprühende und interessante Persönlichkeit.

Veröffentlichungen in Deutschland: Polen im 20. Jahrhundert. Ein historischer Essay", München: Beck 1993 (BsR 476 – aktualisierte Neuauflage 1998), zahlreiche Essays und Artikel u.a. in "Die Zeit", "Die Welt", "Wochenpost", "FAZ", "FR", "SZ", "Tagesspiegel", "Berliner Zeitung", "Merkur", "Frankfurter Hefte".

Adam Krzeminski – Dipl. Germanist ist viel in Deutschland und Polen unterwegs und kann deshalb befreit von Vorurteilen vergleichen. Das bringt ihn auf interessante Denkanstöße. Seiner Meinung nach sind beide Länder aufeinander angewiesen. Über Jahrhunderte waren beide Nationen "interne" Nachbarn, was bedeutet, daß die Grenze oft verschoben wurde, wodurch sich beide Kulturen vermischt haben. Die deutsch – französische Grenze war dagegen relativ konstant.

Die Oder – Neiße – Grenze ist jetzt eher eine mentale Wunde, als ein politisches Problem. Sie ist ein Lackmus - Indikator für die deutsch - polnische Symbiose.

Das Phänomen der Witze über polnische Diebe: sie resultieren aus einer Abwehrhaltung gegenüber einem unheimlichen Nachbar und sind eine Art Projektion auf das nach dem 2. Weltkrieg von Polen "geklaute" Schlesien. Wenn es z.B. von Russland eingenommen worden wäre, dann wäre alles in Ordnung – es ist ja groß und stark. Das Problem liegt darin, daß Schlesien an Polen verloren ging; an ein schwächeres Land, das im Laufe der Geschichte immer in der Defensive war und als möglicher Lebensraum angesehen wurde.

 

Aus der polnischen Perspektive spielt die Vergangenheit eine immer kleinere Rolle; Hauptsache, die ersten Erfolge lassen nicht sehr lange auf sich warten. Die Umfragen in Polen ergeben, daß Sympathien für Deutschland kontinuierlich um 2 % pro Jahr steigen. Es ist nicht so, daß dies wegen des deutschen Wohlstands geschieht. Die Polen merken einfach, daß Deutschland als zuverlässiger Nachbar zu gewinnen ist, mit dem man zusammenarbeiten kann.

 

Vereinigung Polens in 1918 nach der 1. Teilung – ihre Logik war ganz anders als die der deutschen Wiedervereinigung. Polen nahm sich viel mehr Zeit, z.B. das Zivilrecht wurde erst 1935 angepasst (zuvor galt immer noch das der früheren Besatzer). In Deutschland ist dagegen alles schnell und auf einmal gegangen. Logische Folge davon sind soziale Spannungen und Konflikte. Nach der Wende 1989 war der Optimismus in Polen höher als in Deutschland, obwohl nur 1/3 Gewinner waren, 1/3 Verlierer und 1/3 hofften, es werde besser. Der Grund liegt darin, daß die Ären Giereks und Jaruzelskis die Polen besser auf die Wende "vorbereitet" haben, als die Ära Honeckers die DDR – Bürger.