19. Abend
des Freundeskreises der polnischen Literatur
Krakauer Haus
10. Oktober 2005 - 19.00 Uhr
Thema
des Abends war Waclaw Berent – hochgeehrt, von Kritikern mit
Lob überschüttet „war jeder Roman ein bedeutendes künstlerisches Ereignis“ wie
der Literaturwissenschaftler Walecki schrieb.
Privat
weiß man von dem Einzelgänger und Junggesellen wenig. Er gab von seiner
Privatsphäre nichts preis, vernichtete vor seinem Tod all seine Notizen und
Entwürfe. Deshalb vorab nur einige
biographische Eckdaten:
Waclaw
Berent, geboren am 28.9.1873 Warschau, gestorben 20.11.1940 ebenfalls Warschau.
Aber selbst diese Angaben sind ungewiss. Er schrieb u.a. unter dem Pseudonym
Waclaw Rawicz.
Knaurs
Literaturlexikon: Seine Werke sind anspruchsvoll in ihrer ästhetischen und
intellektuellen Zielsetzung. Studium der Naturwissenschaften in Krakau, Zürich
und München. Reisen nach Paris und Berlin. Seine „deutsche Zeit“ prägte ihn
tief, was ihn noch mehr für uns Deutsche interessant macht. Bevor er nach Polen
zurückkehrte, hielt er sich mehrere Jahre in Paris auf.
Er
beherrschte Russisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch und
Mittellatein.
Übersetzer
von Rolland, Nietzsche, Ibsen, Stendhal. Er trat für die Tradition der
Aufklärung und gegen das Erbe der Romantik ein.
Romane: Moder
(Edelfäule) - Prochno 1903, deutsch
1908
Wintersaat - Ozimina 1910, deutsch 1911
Lebende Steine - Zywe Kamienie 1918
Führerdämmerung - Zmierzch wodzow 1939
Auszeichnungen:
1929 Preis der Stadt Warschau, 1933 Staatspreis Polen
Dieser
Einzelgänger, der von sich so wenig preisgab, schenkte uns etwas viel
entscheidenderes: sein gedankenreiches Werk.
Alle
Romane haben verschiedene Dinge gemein. Seine Geschichten handeln von
Künstlernaturen, die fast alle scheitern oder im scheitern begriffen sind. Es
sind Künstler die mit sich ringen. Selbst seine Soldaten, Ärzte, Priester und
Lehrer sind eigentlich Künstler. Sie sind „in sich“ Künstlernaturen. Seine
Helden „gehen der Kunst in die Falle“, wie der Literaturwissenschaftler Walecki
schreibt. Scheitern und Selbstzerstörung kennzeichnen die Geschichten dieser
Menschen. Gleichzeitig leiden sie an ihrem Polentum. Berernt kritisiert
Minderwertigkeitskomplexe, Antisemitismus, überhöhten Nationalismus und
Heroentum um seiner selbst willen. Berent hat dieses Leiden am eigenen Volk
gemein mit vielen großen Dichtern des 20. Jahrhunderts (Thomas Bernhard mit
Österreich, Gottfried Benn mit
Deutschland, später auch Heinrich Böll und Günther Grass hierzulande)
Trotz
allem: Berent sieht die Berufung zur schöpferischen Kunst als das erhabendste
Ziel unserer Existenz. Seine Romane sind polyphon und jede Figur ist wiederum
polyphon. Somit stehen auch oft gegensätzliche Meinungen nebeneinander.
Neben
seiner kritischen Auseinandersetzung mit seinem Volk ist Berent als großer
Stilist interessant. Für viele Kritiker war er der größte Stilist seiner Zeit,
selbst Zeromski überlegen.
Vieles
ist hochaktuell und reicht weit über die sogenannte „Polenproblematik“ hinaus.
Deshalb wäre es wünschenswert seine Romane, die nach dem ersten Weltkrieg
erschienen, ins deutsche zu übertragen. Allen voran „Die lebenden Steine“. An diesem Roman schrieb er über 10 Jahre. Er
schuf damit ein eigenständiges und im Verhältnis zur Interpretation der
Historiker wegbereitendes Bild der mittelalterlichen Epoche. Die lebenden
Steine sind auch ein Maskenroman, da das Mittelalter hier Kostüm für die Kultur
der Moderne dient. In diesem Roman erreicht Berent den maximalen Grad an
Komplikation. Seine barockartige Fülle umfasst auch eine raffinierte
Rhythmisierung die auch die kompositionelle Ebene einschließt (Walecki).
Leider
wartet diese - nach polnischer Kritik - Berents Meisterwerk, noch auf seinen
deutschen Übersetzer. Wir wollen es hier heute Abend - neben seinen übersetzten
Werken trotzdem durch Iwona Lompart
vorstellen.
F.
Schulz